Von:
Alexander Brandl

e-mythos.de

Zweifelsfrei zählt der Psychothriller „Black Swan“ zu den meistbeachteten Filmen des Jahres 2011. Ungewohnt einhellig dazu die Meinung meiner Freunde – die Story sei eben „bezeichnend“ für unsere Zeit:

Der jungen Balletttänzerin Nina Sayers wird am New Yorker Ensemble die Rolle des Schwans in Tschaikowskis Schwanensee angeboten. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die Rolle des weißen und des schwarzen Schwans von derselben Tänzerin verkörpert werden soll. Der Film erzählt, wie Nina durch den Druck der Mutter, die ständige Konkurrenz durch Mitbewerberinnen und ihren eigenen Perfektionszwang zu Wahnvorstellungen und Selbstzerstörung getrieben wird. Sie droht, beim Versuch, einem Mythos gerecht zu werden, ihr Leben zu verlieren.

Gerade der Wandel des Begriffs „Mythos“ kennzeichnet für mich die Problematik des Films. Ursprünglich eine Erzählform, die Grundwahrheiten des Menschen in Form von Legenden präsentiert, hat sich die Bedeutung im Volksmund verengt: Eine Marilyn Monroe kann „Mythos“ sein, genauso eine bestimmte Marke oder eine fiktive Gestalt wie die des Schwans im Schwanensee. Wie ein Abgott steht dieser Mythos über den Dingen, ganz verklärt. Und das macht den Mythos heutzutage oft überhaupt erst aus – und den Reiz, ihn sich zu Eigen zu machen.

Wenn aber etwa von antiken Mythen der Griechen erzählt wird, von einem Sisyphos oder einem Odysseus, dann werden uns nicht ausschließlich glorreiche Vorbilder präsentiert, denen es nachzueifern gilt. Vielmehr verkörpern sie Grundprobleme unseres Daseins - das Scheitern ist dabei wesentlicher Bestandteil

Erhebt die Tänzerin Nina ihre Rolle zum lebensbestimmenden Mythos, ist sie damit ein Kind unserer Zeit: Der Mythos bildet nun nicht mehr die eigene Biographie ab, im Gegenteil, er gibt diese vor.

Meine Freunde und ich fanden uns alle in dem Film wieder. Vielleicht, weil er denen aus der Seele spricht, die die Bürde ihres jeweiligen Mythos zu schultern haben. Einer jungen Generation, zum Nicht-Scheitern verurteilt?